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Wie einst im Mai

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Schöne und kurze Prosa Erzählung von Peter Altenberg und weitere Gedichte
zur Frühlingszeit, sowie gute Links-, Bücher- und Geschenk-Tipps.


Wie einst im Mai

Sie sahen sich wieder, nach einem Jahre.
Die Gesellschafterin erhob sich nach dem Souper.
Sie sagte leise zu dem Herren: "Je vous laisse ...
Sie werden sich viel zu sagen haben — — —

Madame errötete, pickte Bröserln vom Spanischen Winde auf.
Der Herr machte ein Gesicht wie "oh gewiss — "
Aber er hatte keine Idee. Er dachte: "bleibe doch da, alte Schatulle ..."

Madame ging in den Salon, setzte sich an's Klavier, begann zu singen:
"Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden ... Wie einst im Mai."

Die Stimme war wie von einem Schulmädchen, frisch, dünn, ohne
Timbre.
Sie blieb stecken, wurde ganz verlegen.
Der Herr fühlte die Worte der Gesellschafterin wie eine deutsche
Schulaufgabe.

"Nun arbeitet mir das aus, meine Lieben, bis ich zurückkomme:
'Sie werden sich viel zu sagen haben.' "

Einleitung: "Wenn wir zurückblicken ..." Falsch.

"So oft die ersten Lerchen ..." Lasse die ersten Lerchen, mein gehacktes
Holz. Hast du denn keinen Schwung mein Lieber?!"

Madame wandte sich um, schaute ihn an wie ein Baby, das ein
Schnauzerl macht: "Du bist an Allem schuld, du, ich habe es so schön
können heute Vormittag ..."

Der Herr stand auf von seiner deutschen Schularbeit, ging zu ihr hin,
streichelte ihre schönen braunen Haare, strich dieselben aus der Stirne,
strich die Schläfenlöckchen hinter die rosigen Ohren, benahm sich wie
ein sanfter Papa.

Sie sass ganz still da.

"Ich bin dumm..." sagte sie. "Dumm bin ich — — — ."

Da kam die Gesellschafterin zurück. "Eh bien?"

Wirklich, sie hatten sich Etwas zu sagen gehabt!

(Peter Altenberg 1859-1919, österreichischer Schriftsteller)




Weitere Prosa Erzählungen von Peter Altenberg
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Der Kuss


Ich sass auf einer Gartenbank im »Thiergarten.« Auf meinem
Schosse sass bibi Akolé und zählte ihr Geld, welches in drei
Portemonnaie's wundervoll vertheilt war, in jedem Fache
25 Kreuzer, Geschenke von Bewunderern.
Eine wunderschöne junge Dame kam und ihr Gatte.
Akolé sah die Dame an, stand auf, ging auf sie zu, breitete die
Arme aus, wollte sie auf den Mund küssen, weil sie schön war.
Die Dame wich zurück.

Das Kind schmiegte sich an mich an, tief beschämt.
"Madame – –" sagte ich, "ich bitte Sie, ich bitte Sie – – –."
"Nicht auf den Mund – –" sagte die Dame verlegen.
Ich nahm Akolé in meine Arme, küsste ihren geliebten Mund,
dessen Athem wie der Hauch von Abend-Wiesen war.

"Thue es doch – – –" sagte der Gatte, "il sera offensé."
"Ich kann nicht – – –" sagte die wunderschöne junge Dame.
Da sagte ich: "Diese Dame ekelt sich vor dir, Akolé."

"Wie eine dumme stupide Mutter benehme ich mich, welche
die anderen Menschen nicht begreift. Verzeihen Sie mir,
Madame. Ich war wie eine stupide Mutter, das Dümmste,
das Beschränkteste, was es auf der Erde giebt. Die Liebe
eines Vogelgehirnes ganz einfach."

Die Dame gab dem Kinde eine Krone.
Das Kind gab sie zurück, sogleich.
Der Gatte dachte:
"War das Ganze notwendig?! Solche Überspanntheiten."
Die Dame sagte adieu, gab mir die Hand, blickte mich traurig an.
Langsam ging das Ehepaar weg.
Akolé verkroch sich in meinen Armen, die sich in unermesslicher
Liebe um sie schlossen.

(Peter Altenberg 1859-1919, österreichischer Schriftsteller)

Aus: Wie ich es sehe.




Tulpen

Cäcilia sagte zu ihm: »Sie, Sie sind wirklich ein zuwiderer Kerl. Erstens
nie elegant. Schauen Sie den Beamten an. Zweitens dieser Schnurrbart,
so slowakisch. Und dann überhaupt – – – was glauben Sie eigentlich?!
Ich kann fliegen auf wen ich will. Und just!«
Als sie sah, dass sie ihn gekränkt hatte, bekam jedoch ihr Antlitz einen
Zug von unerhörter Milde.
»Wie Katzen sind wir wirklich,« fühlte sie, »schade, allein wir sind es!«
Er sass da, am Marterpfahl der Seele, wünschte hinweggeschwemmt zu
werden in einem Bach von Thränen. Nicht mehr sein, nicht mehr sein!
Jedoch man ist, man bleibt!

Er schlief natürlich die ganze Nacht nicht.
Morgens ging er in den grossen Park, welcher eben Mai-Toilette angelegt
hatte. Ein riesiges Blumenbeet leuchtete wie Gluth und Brand, wie Schnee
und übertriebene Schminke.
Tulpen! Auf ganz kurzen festen Stengeln, kerzengerade, standen sie da,
ziemlich gedrängt, Blumen-Regimenter, unerhört rothe, unerhört weisse
im Morgensonnenlichte und ganz oben, als Gipfel des Farbenberges,
geflammte, wie Blumen gewordene Fackeln. Sie dufteten gleichsam von
Farbe, Farben-Vanille, Farben-Jasmin, erzeugten Migräne durch die Augen.
Farbe gewordene Düfte!

Er setzte sich dem Tulpenbeete gegenüber, welches unerhörte Pracht
ausströmte, Extrakt von Prächten und welches man, obzwar es einem
nicht gehörte, ganz und leidenschaftlich geniessen durfte.
Um das Tulpenbeet herum standen Greise in schwarzen langen Röcken,
junge Damen in weissen Kleidern, Kinder und Militär, eine Theater-Elevin
und Studenten mit kleinen Heften.
Alle begatteten sich gleichsam mit den Tulpen, genossen sie ohne Rest,
sogen sie ein in sich, berauschten sich, vergassen an die Pflichten und
versanken – – –.
Eine Bonne sagte: »Des tulipes, mes enfants –.« Damit war alles gesagt.
Die Theater-Elevin jedoch machte ein verklärtes Gesicht. Denn es gehörte
zu ihrem Berufe.

Er aber sass da, ausgepumpt, genussunfähig, direktement greisenhaft,
hatte Kopfschmerzen, fühlte:
»Die Hand ausstrecken – – – eins! Deinen Hals fassen – – – zwei! Zupressen – – –
drei!« Dann dachte er: »Verlegt Ihr uns vielleicht nicht die Athemwege?!
Nun also! Tulpen darf man lieben. Krepire! Tulpen darf man lieben. Darf?!
Tulpen muss man lieben! Sie sind! Roth, weiss, flambant – – und fertig.
Nicht nur von meines Herzens Gnaden sind sie! Sondern roth, weiss,
flambant für alle Menschen. Jedoch Cäcilia ist von meines Herzens Gnade!
Nein, keine dichterischen Worte, bitte, sie sind zu dünn, vermögen nicht zu
heilen. Aber Worte giebt es wie Steinwürfe und geschleuderte Biergläser,
die entlasten, blos wenn man sie denkt und so gewaltsam ausspricht:
»Dich massakriren, massakriren, masss–sssa–krrri– rrren!!« Wie komme
ich zu dieser Unruhe, die mich treibt?! Wie ein Morphinist, dem man sein
Spritzchen entzogen hätte! Aller Dinge wäre er fähig. Gleichsam »ausser« sich!
Weib, Ihr seid »innere Mörder!« Darf das Gesetz des Staates psychologisch
sein?! Ich aber darf es sein! Ich richte! Ich! Mein eigener
Staat!! Carmen – – – Cäcilia!«

Er sass da, sah das Tulpenbeet im Morgensonnenlichte, unerhört weiss,
unerhört roth, unerhört flambant. Und an die glücklichen dicken Holländer
dachte er von annodazumal, welche ihre gesammte Liebe und Freundschaft,
Zärtlichkeit und Sorge den Tulpenzwiebeln geben konnten!
Heilige Ventile überschüssiger Seelen-Dampfkraft:
Tulpenzwiebeln, Möpse, Kanarienvögel, Politik, Literatur, Briefmarken,
Münzen, Bicycle, Ansichtskarten, Bienenzucht und Poker!
Nur nicht das Einzige, das Wirkliche – – das Weib! Das Wirkliche vernichtet!!
Hier giebt es keinen Selbstbetrug! Es ist, es wirkt! Die anderen Empfindungen
jedoch sind unseres Wahnsinns Knechte. Nur Weibesliebe ist unseres
Wahnsinns Herrin! Hier erstirbt unser Lächeln über uns selbst und unsere
Heiligthümer und wir steh'n geblendet vor der ernsten Wahrheit unserer
Sehnsuchten! Hier gibt es keinen Selbstbetrug! Es ist! Es wirkt!
Diese verschiedenen Gedankelchen brachten ihm Erleichterung, zertheilten
diese compacte feindliche Masse »Cäcilia«, bohrten philosophische
Sprenglöcher aus, krach!
Dann ging er in ein Blumengeschäft, sandte an die Dame einen Strauss von
Tulpen, welche Schönheit gaben ohne Complications.
Abends sagte sie zu ihm:
»Tulpen?! Schon wieder ein Blödsinn, eine Ungeschicklichkeit.
Was ist an Tulpen?!«
»An Tulpen ist,« sagte er, »dass man ihnen den Hals umdrehen kann,
ohne in's Kriminal zu kommen!«

(Peter Altenberg 1859-1919, österreichischer Schriftsteller)

Aus: Was der Tag mir zuträgt.



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