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Gedichte

Moderne und klassische Gedichte zu verschiedenen Themen des Lebens, wie Geburtstag, Liebe, Abschied, Glück, Hoffnung, Frühling, Weihnachten...

Leben ist

Unwiderrufbar unser Dasein
unter den blinzelnden Sternen,
ein dauerndes Inderweltsein,
und dann auch noch gerne.
Entzückt hebe ich das Glas,
Leben ist mal dies, mal das.

(© Beat Jan)

Selige Heimkehr

O, dein und mein sind alle großen Dinge,
Was mein allein blieb, spür ich kaum.
Was gilt, gilt dich. Ich kehre heim, ich schwinge
Groß und erlöst in unserem Weltenraum.
Geschehnis welkt in Kinderewigkeiten.
Horch, alle Uhren schlagen unsere Zeit!
Wir sind in Wäldern, Wolken, Jahreszeiten
Verliebte Sommerflocke Ewigkeit.
Schwarzgläsern hockt die Stadt im Heute-Kerker,
Wir huschen kindhaft über Abgrund hin.
Verzweiflung wispert - und wir wissen stärker:
Erlösung ist die Liebe, Liebe ist der Sinn.

(Emil Alphons Rheinhardt 1889-1945, österreichischer Lyriker)

Was wir haben

Was wir haben, wollen wir nicht teilen,
was wir teilen können, brauchen wir nicht.
Was wir sind, wollen wir nicht bleiben,
wo wir hinwollen, kommen wir nie an.
Was wir suchen, wollen wir nicht finden,
was wir finden können, suchen wir nicht.
Was wir sind, wollen wir nicht schätzen,
was wir leben, wollen wir nicht sterben.

(© Monika Minder)

Nach einer Idee von Thomas Brasch; "Was ich habe, will ich nicht verlieren"

Zweige

Durch volle wie durch karge Zweige
ein feines Lüftchen zieht,
summend von seiner Geige
hüpft ein Liebeslied.

Wo solch ein Singen
sich ins Herz küsst,
mag jede Seele klingen,
auch wenn es Winter ist.

(© Hanna Schnyders)

Was staun ich nur

Was staun ich nur,
wenn Blüten träumen
und Blumen
sich wie grosse Augen freuen.

Wenn Vögel raufen
und Stimmen
sich liebe Grüsse bringen.

Wenn die Erde sich entzweit
und aus dem Nichts
sich eine neue Welt erbricht.

Was staun ich nur!

(© Monika Minder)

> mehr Frühlings-Gedichte

Sie liebten sich so zärtlich

Sie liebten sich so zärtlich
Wohl manches liebe Jahr;
Sie litten füreinander
Und seufzten immerdar -
Doch mieden sie sich wie Feinde,
An jedem dritten Orte
Kalt waren ihre Mienen,
Kurz waren ihre Worte.
Sie mieden sich und litten
In stolzem Schweigen - kaum
Dass Einem das Bild des Andern
Einmal erschien im Traum.
Da kam der Tod - sie mussten
Sich auch im Tode trennen,
Und konnten in jener Welt
Sich gar nicht wiedererkennen.

(Michail Lermontow 1814-1841, russischer Dichter)

In der Übersetzung von Friedrich Bodenstedt.


Gräser im Abendlicht

© Bild Monika Minder, kann privat=offline (z.B. Karten, Mails) gratis genutzt werden. > Nutzung Bilder

Bild-Text

Erinnerungen wachsen,
Wünsche erhalten einen Hauch
von Leichtigkeit, wie alles,
was wir gehen lassen.

(© Beat Jan)





Liebe Mutter

So gerne möchte ich dir Liebes schenken
Und schöne frohe Tage.
Deine Liebe, deine treue Weise
Sie hat so vieles still getragen.

Einen Himmel voller Sonnenschein
Soll dir im Herzen leuchten
Wie mein Glück dein Kind zu sein -
Nichts Schöneres konntest du mir schenken.

(© Monika Minder)

Lob der Frauen

Durch Lächeln und durch Winken,
in Furcht und Scham zurück
Gewandt das holde Antlitz,
mit schlauem Seitenblick,
Mit Worten vielfach tändelnd,
halb Zorn, halb Liebes-Scherz -
So fesseln ja die Frauen,
die holden, unser Herz.

Das Winken ihres Auges,
geziert mit hoher Brau',
Der Liebesschmerz, das Lächeln
auf schöner Wangen Au',
Der stolze Schritt des Ganges,
die Ruhe hoch und hehr,
Das ist der Frauen Zierde,
das ist der Frauen Wehr.

Empor die sanften Blicke
und erdenwärts gesenkt,
Vor Scham und Furcht sich schliessend,
von Lieb' und Lust gelenkt.
Und nun das holde Antlitz
mit Augen schnell und klar,
Wie um den Lotos surrend
der Bienen muntre Schaar.

Das Antlitz mondscheinglänzend,
im Blicke süssen Harm,
Das Gold hell überstrahlend
ihr Haar wie Bienenschwarm.
Im Antlitz dieses Lächeln,
das Auge, schnell und klar,
Der Schmuck der süssen Worte
so lieblich und so wahr.

Im Gang gleich schlanken Zweigen,
o gibt es Schön'res, sagt!
Als eine Jungfrau-Blume,
die aus der Knospe ragt?
Wen lieb' ich gleich den Holden
mit dem Gazellenaug',
Was mehr als ihre Stimme,
als ihres Mundes Hauch,

Als ihre süssen Lippen,
als ihres Körpers Pracht,
Was übt wohl grössern Zauber,
als kräft'ger Jugend Macht?
Am Fuss, am Arm, am Gürtel
klingt Silberglockenklang
Ihr, die die stolzen Schwäne
besiegt durch ihren Gang.

Mit ihren Augen schüchtern
und der Gazelle gleich,
Erobert sie durch Blicke
nicht jedes Herzens Reich?
Ihr schlanker Leib, der holde,
am Sandelstaub sich lezt,
Die Perlenkränze zittern
am Busen, goldbesetzt.

Der Lotosfuss gleich Schwänen
vom Ringen hell erklingt,
Ist Einer auf der Erde,
den diese nicht bezwingt?
Wie töricht sind die Dichter,
die Jungfrau'n "schwach" genannt -
Sind nicht durch ihre Winke,
durch ihre Lieb' gebannt.

(Bhartrihari 6.- 7. Jh., indischer Lyriker)

Übersetzt Anton Eduard Wollheim da Fonseca 1810-1884


Margerite mit lila Hintergrund

© Bild Monika Minder, kann für private Zwecke=offline (Karten, Mails) kostenlos genutzt werden.

Bild-Text

Alles hat seine Zeit:
Winter und Sommer,
Herbst und Frühling,
Jugend und Alter,
Wirken und Ruhen.

(Johann Gottfried Herder, 1744-1803)





In Form eines Herzens

Eine Handvoll weißer
Schneckenschalen
Will ich sammeln und sie
In Form eines Herzens um
Meine Erinnerungen legen

Wie um das Grab des
Kleinen Vogels im Garten.

(© Gerhard Rombach)

Gedicht hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung)

Mehr Zeit für Träume

Ich weiss, es gibt sehr schlimme Tage,
an diesen stellt das Leben seine Fragen.
Sie möchten dir vor allem eines sagen:
Nimm dir mehr Zeit für dich und deine Träume,
für Wünsche und für Lebensräume.

(© Monika Minder)

> mehr kurze Gedichte

Lebewohl

Es trennen Feld und Berg und Bäche
Mich bald von Dir, wenn ich nun fort,
Ob ich zu Dir auch zärtlich spreche,
Du sagst zur Antwort mir kein Wort.
Du selbst mir, wenn der Abend dunkelt,
Wo sonst mich Deine Näh entzückt'!
Und ach, wenn früh der Morgen funkelt -
Wo bleibt Dein Gruss, der mich beglückt'?

Sag' nicht, ich könne Dich vergessen,
Das Wort - Du glaubst es selber nicht!
Wohl tausendmal hast Du ermessen,
Was mich durchdringt, was aus mir spricht.
Tand liess ich, Leichtsinn, Lust der Sinne,
Seit Du zogst in mein Herz hinein:
Mir lebt die Welt in unsrer Minne,
Sie ist mir bloss Dein Wiederschein!

Dein Bild scheint mir, wo Sonnen lohen,
Dein Wort des Baches Murmeln sacht,
Am Firmament, dem hehren, hohen,
Deut'st Du mir Rätsel in der Nacht.
Was Erd' und Himmel nur zu eigen
An Herrlichem, ich seh's in Dir,
Dein Aug' glänzt mir wie Sternenreigen,
Gleich Lilien scheint Dein Busen mir!

Und trennt uns auch des Raumes Weite,
Wir bleiben uns doch ewig nah,
Du sitzt zwar nicht an meiner Seite,
Doch in ihr bist Du ewig da.
Ja, in der Linken, dort erglühet
Ein Herz und in ihm wohnest Du:
Wo solches hehre Glück erblühet,
Schliesst man das Tor den Andern zu.

Wie dringen Deine edlen, bleichen,
Geliebten Züge in mein Herz!
Die Lust muss Himmelsfreuden gleichen,
Doch - irdisch ist der Trennung Schmerz!
In meinem Ohr erklingt's von süssen
Gesängen, die Dein Odem haucht,
Noch einmal lass mich jetzt Dich küssen:
Ein Kuss in Weh und Glut getaucht!

Leb' wohl! Bleib' treu! Wie jäh Verderben
Packt's mich, dass Du nicht ewig treu!
Bleib' treu! Die Stunde müsst' ich sterben,
Wo andre Lieb' Du fühltest neu!
Du Morgenstern in meinem Leben,
Mein bessres Ich, mein süss Idol,
Du höchstes Ziel für heisses Streben!
Geliebtes Weib, leb' wohl, leb' wohl!

(Esaias Tegner 1782-1846, schwedischer Lyriker)

In der Übersetzung von Edmund Lobedanz





> mehr Verse

Tropfen glitzern

Tropfen glitzern durch den Raum
Aprilregen, Morgentau
Lauer Wind kommt dir entgegen.

Das Wetter macht ihm alle Ehre
Mal Sonne, mal Wind
Und dann wieder Regen.
In einer Pfütze spielt ein Kind.

Ein leichtes Lächeln stimmt dich heiter
Noch wühlt Sturm in deinem Herzen
Du schreitest langsam weiter
Frühling geht nicht ohne Schmerzen.

(© Monika Minder)

Erfüllung

Wie selig nun die Tage fliehn,
Wie still die Nacht, wie still die Nacht,
Und übers Herz die Träume ziehn
In lichter Märchenpracht.

Ich weiß nichts mehr von Welt und Zeit,
Nur daß ich dein, nur daß ich dein,
Doch Tag und Nacht und Ewigkeit
Schließt dieses Wörtchen ein.

(Gustav Renner 1866-1945, deutscher Erzähler, Dramatiker, Lyriker)

Manchmal

Manchmal
Verabrede ich mich mit einem Lied
Und spiele mit der Zukunft.
Ich lebe Abschied
Und schmück' mich mit Vernunft,
Denn keine Zeit währt ewig
Keine Blume, die nicht verblüht,
Und wenn der Anfang
Vom neuen Morgen
Mir um die Seele weht,
Dann weiss ich, dass ein Zauber
In jedem Schicksal steht.

(© Monika Minder)

Das Ende eines Sommertags

Weisse Birkenstämme
Langes Gras
Wiegend in der Dämmerung
Das Ende eines Sommertags.

Das Tischchen mit dem Wein
Süsse Silben
Einen Hauch lang nicht allein
Die Nacht zum Träumen milde.

(© Monika Minder)

So unverständlich

Als Kind versuchte ich stets wegzuhören
wenn die Erwachsenen sich stritten

Ich dachte dann an ferne Länder
an Helden und ihre wunderbaren Taten
Versuchte nicht zu hören
und nicht zu sehen wie die, 
die ich am meisten liebte
einander quälten
Ich konnte nicht verstehen dass
sie sich fremd geworden waren

Es war so unverständlich
so völlig unverständlich.

(© Gerhard Rombach)

Gedicht hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung)

Ein Morgen

Ein erster Blick durchs Fenster am Morgen
Müde noch sind die Gesichter
Weit weg die Sorgen
Kinder hüpfen und kichern
Von irgendwoher klappert Geschirr
Lebendigkeit dringt in meine Seele
Ich nehme die Zeitung, den Kaffee
Bequeme Schuhe
Schreiben, arbeiten, verstehen
Freundlich sein und wieder gehen.
Was will man mehr?

(© Monika Minder)


Margerite in lila

© Bild Monika Minder, kann für private=offline (Karten, Mails) kostenlos werden.

Bild-Text

Jeder Tag bringt uns das Glück eines neuen Anfangs.

(Ellen Hassmann Rohlandt)

Erster Schnee

Flocken, weisser Schnee,
den ich von oben herunterfallen seh.
Leise, sanft wie Watte
verteilt er sich auf grünen Matten.
Ein weisses Kleid, das alles jetzt erfüllt,
der kleinste Ast wird liebevoll verhüllt.

(© Monika Minder)

Kein Blümlein mehr

Kein Blümlein mehr, das uns erfreut,
kein Blättchen, das im Winde weint.
Keine Vögel weit und breit,
die Felder ringsum schon beschneit.

Doch bringt die karge Winterzeit
auch viele schöne Stunden.
Wir denken an die Weihnachtszeit
mit ihren grossen Wundern.

So mag es draussen noch so schneien
wir wärmen uns in Liebe.
Die grossen und die Kleinen
wünschen sich vor allem Frieden.

(© Monika Minder)

Flüchtig ist die Zeit

Flüchtig ist die Zeit
Lass sie bloss nicht fliehen
Lass die Stunden deine sein
Und vom Glück dich ziehen.

Flüchtig sind die Tag
Lass dich bloss nicht stören.
Hör nicht auf mit Werden und mit Fragen
Und mit gut und gerne hinzuhören.

(© Monika Minder)

> mehr Reime

Unbekannte klassische Gedichte

Stille Trauer

Das war für mich ein Todestag,
Da du mich hast verlassen,
's ist lange her – schon treibt der Wind
Das Herbstlaub durch die Gassen.

Schon glimmt an deinem Herd so traut
Das stille Winterfeuer,
Doch über meiner Seele liegt
Noch heut' der schwarze Schleier.

Und in verwaisten Nächten oft
Durchrieselt mich ein Schauer, -
Das Trauerjahr ist längst zu End',
Wann endet wohl die Trauer?

(Karl Stieler 1842-1885, deutscher Dichter)

Ruhe

Vom grünen Ufer schau' ich hinunter;
Wie träge schlummert die breite Flut.
Der Wind steht stille, der sonst so munter;
Nur Schweigen ringsum, die Welle ruht.

Gefühllos Alles vor meinen Blicken,
Nichts will sich rühren dort im Geäst.
Die Blätter schlafen und träumen und nicken,
Der Vogel schlummert im kleinen Nest.

O Fluch dem matten, dem trägen Frieden!
So heule, Sturm, doch mit wilder Lust!
Uns sei Orkan nur und Flut beschieden,
Der öden Weite und meiner Brust!

(Theodor Serbanescu 1839-1901, rumänischer Dichter)

Frühlingstrauer

Frühling regt die sonn'gen Schwingen -
Winter bleibt's in meiner Brust!
Ach, in meine Seele dringen
Nicht die Klänge froher Lust!

Stand ein Stern am Himmelsbogen
Ueber meines Hauses Dach.
Doch nun ist er fortgezogen
Und ich seufz' ihm ewig nach.

Meiner Liebe Stern! verglommen
Ist dein stillbeglückend Licht,
Und des Frühlings Blumen frommen
Ohne deinen Glanz mir nicht!

Vöglein in den Blüthenhecken,
Sag', was singst so laut denn du?
Kannst ja doch mein Lieb nicht wecken,
Aus der tiefen Grabesruh'!

Schwing' dich über Thal und Hügel
Hin zu ihrer moos'gen Gruft,
Trag' ihr auf dem weichen Flügel
Meine Klage durch die Luft.

Sag' ihr, dass im weiten Raume
Der erwachten Frühlingswelt
Meines Lebens jungem Baume
Bald das letzte Blatt entfällt.

(Johann August Mettlerkamp 1810-1859, deutscher Dichter)

Frühlingsstimmung

Wenn Frühlingswärme mit dem linden Weste,
Der kosend um erwachte Knospen webt,
Die Brust der jungen Erde schwellend hebt,
Verschwenderisch, als reichbeschenkte Gäste,
Lädt sie uns ein zu ihrem Liebesfeste.

Und gläubig öffnet sich, an Hoffnung reich,
Die Seele, dem erblühten Baume gleich,
Der rosig streckt zum Himmel seine Äste.

Dir gilt mein Liebesfest! Du bist die Sonne,
Ein Baum bin ich, der ganz in Knospen glüht
Und überschwillt in des Erblühens Wonne,
Um in der Liebe Licht sich einzutauchen,
Das lebensspendend dir im Auge sprüht,
Wenn Deine Lippen Frühlingswärme hauchen.

(Rosa Mayreder 1858-1938, österreichische Schriftstellerin)

Das einzige Lied

Es rauscht ein Lied so hoch empor,
Hinauf zu allen Sternen,
Klingt über Alpengletscher hin,
In alle Weltenfernen.

Es tönt so wunderbar und süss,
Hallt in den Bergen wieder,
Dringt bis zum weiten Meer hinaus,
Es ist das Lied der Lieder.

Ich möcht' es singen jeden Tag
In hundertfält'ger Weise,
Bald stürmisch, klagend, bittend heiss,
Dann wieder leis, ganz leise.

Es sangen's Viele wohl vor mir
Im ewig-neuen Triebe,
Das Hohelied voll Leid und Lust,
Das Lied von Lenz und Liebe!

(Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem 1854-1941, deutsche Schriftstellerin)

> Abschied Gedichte
> kurze Gedichte

Bekannte klassische Gedichte

Die Rose, die Lilje, die Taube, die Sonne

Die Rose, die Lilje, die Taube, die Sonne,
Die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb sie nicht mehr, ich liebe alleine
Die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine;
Sie selber, aller Liebe Bronne,
Ist Rose und Lilje und Taube und Sonne.

(Heinrich Heine 1797-1856, deutscher Dichter, Schriftsteller)

An der Brücke stand

An der Brücke stand
jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll's
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik -
trunken schwamm's in die Dämmerung hinaus ...

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte Jemand ihr zu? ...

(Friedrich Nietzsche 1844-1900, deutscher Dichter und Philosoph)

> mehr Nietzsche Gedichte

Worte sind der Seele Bild

Worte sind der Seele Bild -
Nicht ein Bild! Sie sind ein Schatten!
Sagen herbe, deuten mild,
Was wir haben, was wir hatten. -
Was wir hatten, wo ist's hin?
Und was ists denn, was wir haben? -
Nun, wir sprechen! Rasch im Fliehn
Haschen wir des Lebens Gaben.

(Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832, deutscher Dichter)

> mehr Goethe Gedichte

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke 1875-1926, deutscher Lyriker)

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Naturszene

Das Wasser rinnt vom Felsgestein
Und furcht die moosge Bank,
Die Gräser, hellgrün, schmal und klein,
Sie stehn umher und saugens ein,
Gesättigt ohne Dank.
Und an die Blumen unterm Grün,
Wie Bürgerstöchter stolz,
In blau und rot und goldner Tracht,
Hat sich der Schmetterling gemacht;
Der saugt und küsst und schaukelt sich,
Und fliegt zuletzt davon,
So achtlos, dass am nächsten Tag
Er kaum noch mehr erkennen mag,
Wo er genossen schon.
Und drüber rauscht der Baum, als ob
Nichts unter ihm geschäh,
Nach rückwärts strebt der Fels empor,
Schaut gradaus in die Höh.
Die Wolken aber allzuhöchst
Ziehn hin mit Sturmsgewalt,
Sie weilen nicht, sie säumen nicht,
Rasch wechselnd die Gestalt.
Und durch das All voll Eigensucht
Geh ich mit finstrer Brust,
Vor dem genossner Treu und Lieb
Halb wie im Traum bewusst.

(Franz Grillparzer 1791-1872, österreichischer Schriftsteller)

Die Spätrose

Blühst du jetzt erst holde Rose,
deine Zeit, Kind, ist dahin,
Hörst du nicht des Sturms Getose,
siehst du nicht die Vögel ziehn,
Siehst du nicht die kahlen Gänge,
von dem Winter abgestreift,
sterbend schläft der Schwestern Menge,
und nichts blühet mehr und reift.

Und du treibst noch frische Blüten,
trotzest der allmächtgen Zeit,
Kämpfest mit des Winters Wüten,
ach, zu ungleich ist der Streit.
Rastlos geht der Drang der Zeiten,
wer entgegensteht, wird Staub,
über seine Asche schreiten
fühllos sie zu neuem Raub.

Als noch aus azurnen Lüften
Phöbus seine Strahlen schoss,
als, umweht von süssen Düften,
sich der Lilie Kelch entschloss.

(Franz Grillparzer 1791-1872, österreichischer Schriftsteller)

Juli

Klingt im Wind ein Wiegenlied,
Sonne warm herniedersieht,
Seine Ähren senkt das Korn,
Rote Beere schwillt am Dorn,
Schwer von Segen ist die Flur -
Junge Frau, was sinnst du nur?

(Theodor Storm 1817-1888, deutscher Schriftsteller, Lyriker)

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