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Der Frühling - Poesie

Schönes Frühlingsgedicht, Erzählung von Ewald Christian von Kleist,
sowie gute Links-, Bücher- und Geschenk-Tipps.


Der Frühling

Empfang mich, schattiger Hain, voll hoher grüner Gewölbe!
Empfang mich! fülle mit Ruh und holder Wehmut die Seele!
Führ mich in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Tugend,
Der um sich die Schatten erhellt. Lehr mich den Wiederhall reizen
Zum Ruhm verjüngter Natur. und ihr, ihr lachenden Wiesen!
Ihr holde Täler voll Rosen, von lauten Bächen durchirret!
Mit euren Düften will ich in mich Zufriedenheit ziehen,
Und wenn Aurora euch weckt, mit ihren Strahlen sie trinken.
Gestreckt im Schatten will ich in güldne Saiten die Freude,
Die in euch wohnet, besingen. Reizt und begeistert die Sinne,
Dass meine Töne die Gegend, wie Zephyrs Lispeln, erfüllen,
Und wie die rieselnden Bäche.

Auf rosenfarbnen Gewölke, bekränzt mit Tulpen und Veilchen,
Sank jüngst der Frühling vom Himmel. Aus seinem Busen ergoss sich
Die Milch der Erden in Strömen. Schnell rollte von Hügeln und Bergen,
Der Schnee in Haufen herab, und Felder wurden zu Seen, — — —

Allmählich versiegte die Flut. Von eilenden Dünsten und Wolken
Flohn junge Schatten umher. Es schien der Himmel erweitert,
Und war voll Schimmer und Strahlen. Zwar streute der weichende Winter
Noch oft bei nächtlicher Umkehr von den geschüttelten Flügeln
Reif, Eis und Schauer von Schnee; noch liessen wüthrische Stürme
Die rauhe dumpfige Stimm aus Islands Gegend ertönen,
Durchstreiften klagende Klüfte, verheerten taumelnde Wälder,
Und bliesen Schrecken und Furcht herum, Verderben und Kälte.
Doch endlich siegte der vor noch ungesicherte Frühling.
Die Luft ward sanfter, es deckt' ein bunter Teppich die Felder,
Die Schatten wurden belaubt, ein sanft Getöne erwachte,
Und floh und wirbelt umher im Hain voll grünlicher Dämmrung,
Die Bäche färbten sich silbern, im Luftraum flossen Gerüche,
Und Echo höret' im Grunde die frühe Flöte des Hirten.

Ihr, deren zweifelhaft Leben gleich trüben Tagen des Winters,
Ohn Licht und Freude verfliesst, die ihr in Höhlen des Elends
Die finstern Stunden verseufzt, betrachtet die Jugend des Jahres!
Dreht jetzt die Augen umher, lasst tausend farbige Szenen
Die schwarzen Bilder verfärben! Es mag die niedrige Ruhmsucht,
Die schwache Rachgier, der Geiz und seufzender Blutdurst sich härmen;
Ihr seid zur Freude geschaffen, der Schmerz schimpft Tugend und Undschuld.
Saugt Lust und Anmut in euch! schaut her, sie gleitet im Luftkreis
Und grünt und rieselt im Tal. Und ihr, ihr Bilder des Frühlings,
Ihr blühenden Schönen! flieht jetzt den atemraubenden Aushauch
Von güldnen Kerkern der Städte. Kommt, kommt in winkende Felder!
Kommt! überlasset dem Zephyr die kleinen Wellen der Locken,
Seht euch in Seen und Bächen, gleich jungen Blumen des Ufers.
Pflückt Morgentulpen voll Tau und ziert den wallenden Busen.

Hier wo der spitzige Fels, bekleidet mit Sträuchen und Tannen
Zur Hälfte den bläulichen Strom sich drüber neigend beschattet,
Will ich ins Grüne mich setzen auf seinen Gipfel, und um mich
Tal und Gefilde beschauen. O welch ein frohes Gewühle
Belebt das streifichte Land! Wie lieblich lächelt die Anmut
Aus Wald und Büschen hervor! Ein Zaun von blühenden Dornen
Umschliesst und rötet ringsum die sich verlierende Weite
Vom niedrigen Himmel gedrückt. Von bunten Moonblumen laufen,
Mit grünem Weizen versetzt, sich schmälernde Beete ins Ferne,
Druchkreuzt von blühendem Flachs. Feld-Rosenhecken und Schleestrauch
In Blüten gleichsam gehüllt, umkränzen die Spiegel der Teiche
Und sehn sich drinnen. Zur Seite blitzt aus dem grünlichen Meere
Ein Meer voll güldener Strahlen, durch Phöbus glänzenden Anblick.
Es schimmert sein gelbes Gestade von Muscheln und farbichten Steinen,
Und Lieb und Freude druchtaumelt in kleiner Fische Geschwadern,
Und in den Riesen des Wassers die unabsehbare Fläche.

Auf fernen Wiesen am See stehn majestätische Rosse,
Sie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern, für Wollust,
Dass Hain und Felsen erschallt. Gefleckte Kühe durchwaten,
Geführt vom ernsthaften Stier, des Meierhofs büschichten Sümpfe,
Der finstre Linden durchsieht. Ein Gang von Espen und Ulmen
Führt zu ihm, welchen ein Bach durchblinkt, in Binsen sich windend,
Von Reihern und Schwänen bewohnt. Gebirge, die Brüste der Reben
Stehn fröhlich um ihn herum; sie ragen über den Buchwald,
Des Hügels Krone, davon ein Teil im Sonnenschein lächelt
Und glänzt, der andere traurt im Flor vom Schatten der Wolken.
Die Lerche steigt in die Luft, sieht unter sich Klippen und Täler;
Entzückung tönet aus ihr. Der Klang des wirbelnden Liedes
Ergötzt den ackernden Landmann. Er horcht eine Weile: dann lehnt er
Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braune Wellen ins Erdreich,
Verfolgt von Krähen und Elstern. Der Saemann schreitet gemessen,
Und wirft den Samen ihm nach. O dass der mühsame Landwirt
Für sich den Segen nur streute! Dass ihn die Weinstöcke tränkten
Und in den Wiesen für ihn nur bunte Wogen sich wälzten!

Allein, der frässige Krieg vom Zähne bleckenden Hunger
Und wilden Scharen begleitet, verheert oft Arbeit und Hoffnung.
Er stürmet rasend einher, zertritt die nährenden Halmen,
Reisst Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder
Für sich zum flammenden Lustspiel. Wie wenn der Rachen des Ätna
Mit ängstlich-wildem Geschrei, dass Meer und Klippen es hören,
Die Gegend um sich herum, vom untern Donner zerrüttet,
Mit Schrecken und Tod überspeit, und einer flammenden Sündflut.

Ihr, denen zwanglose Völker das Steuer der Herrschaft vertrauen,
Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Wass wünscht ihr Väter der Menschen noch mehrere Kinder? Ists wenig
Viel Millionen beglücken? Erforderts wenige Mühe?
O mehrt derjenigen Heil, die eure Fittiche suchen,
Deckt sie gleich brütenden Adlern; verwandelt die Schwerter in Sicheln,
Lasst güldne Wogen im Meer, fürs Land, durch Schiffahrt sich türmen,
Erhebt die Weisheit im Kittel, und trocknet die Zähren der Tugend.

Wohin verführt mich der Schmerz! Weicht, weicht ihr traurigen Bilder,
Komm Muse! lass uns die Wohnung und häusliche Wirtschaft des Landmanns
Und Viehzucht und Gärten betrachten. Hier steigt kein Marmor aus Bergen,
Und zeuget Kämpfer, kein Taxus spitzt sich vor Schlössern, kein Wasser
Folgt hier dem Zuruf der Kunst. Verschränkte wölkichte Wipfel
Von hohen Linden, beschatten ein Haus von Reben umkrochen,
Durch Dorn und Hecken befestigt. Ein Teich glänzt mitten im Hofe
Mit grünem Flosskraut bestreut, wodurch aus scheinbarer Tiefe
Des Himmels Ebenbild blinkt. Es wimmelt von zahmen Bewohnern.
Die Henne jammert ums Ufer, und ruft die gleitenden Entchen,
Die sie gebrütet; sie fliehn der Stiefmutter Stimme, durchplätschern
Die Flut, und nagen am Schilf. Voll majestätischen Ernstes
Schwimmt hier der Schwan, und treibet fern von der Lustbahn der Jungen
Mit starken Flügeln den Schiesshund. Nun spielen die haarigten Kinder
Sie tauchen den Kopf ins Wasser, sie hängen im Gleichgewicht abwärts
Und zeigen die rudernden Füsse. Dort läuft ein munteres Mädchen
Sein buntes Körbchen am Arm, verfolgt von weitschreitenden Hühnern.
Nun steht es, und täuscht sie leichtfertig mit eitlem Wurfe; begiesst sie
Nun plötzlich mit Körnern und sieht sie vom Rücken sich essen und zanken.

Dort lauscht in dunkler Höhle das weisse Kaninchen, und drehet
Die roten Augen umher. Aus seines Wohnhauses Fenster
Sieht das Lachtäubchen sich um, es kratzt den rötlichen Nacken,
Und fliegt zum Liebling aufs Dach. Er zürnt ob dessen Verweilen
Und dreht sich um sich und schilt. Bald rührt ihn das Schmeicheln der Schönen,
Viel Küsse werden verschwendet, bis sie mit schnellem Gefieder
Die Luft durchlispeln, und aufwärts sich zu Gespielen gesellen,
Die blitzend im Sonnenglanz schwärmen. Von blühenden Fruchtbäumen schimmert
Der Garten, die kreuzenden Gänge mit roter Dunkelheit füllen,
Und Zephyr gaukelt umher, treibt Wolken von Blüten zur Höhe,
Die sich ergiessen und regnen. Zwar hat hier Wollust und Hochmut
Nicht Nahrung von Mohren entlehnt und sie gepflanzt; nicht Myrthen,
Nicht Aloen blicken durch Fenster. Das nutzbare Schöne vergnüget
Den Landmann, und etwa ein Kranz. Durch lange Gewölbe von Nussstrauch
Zeigt sich voll laufender Wolken der Himmel, und ferne Gefilde
Voll Seen und büschichter Täler, umringt mit blauen Gebirgen.

Das Auge durchirret den Auftritt, bis ihn ein näherer schliesset.
Die Fürstin der Blumen, die Tulp' erhebt die Krone zur Seiten
Hoch über Aurikeln, dran Flora all' ihre Farben verschwendet.
Die holde Maiblume drängt die Silberglöckchen durch Blätter,
Und manche Rose durchbricht schon ungeduldig die Knospe.
Es steigen holde Gerüche, vermischt vom Garten zur Höhe,
Und füllen mit Balsam die Luft. Die Nachtviole lässt immer
Die Stolzeren Blumen den Duft verhauchen; voll Edelmut schliesst sie
ihn ein, im Vorsatz den Abend noch über den Tag zu verschönern.
Ein Bildnis grosser Gemüter, die nicht gleich prahlischen Kämpfern
Der Kreis von Zuschauern reizt, die tugendhaft wegen der Tugend
In der Verborgenheit Schatten Gerüche der Wohltaten streuen.

Seht hin, wie brüstet der Pfau sich dort am farbichten Beete!
Voll Eifersucht über die Kleidung der fröhlichen Blumen stolziert er,
Kreist rauschend den grünlichen Schweif voll Regenbögen, und wendet
Den farbenwechselnden Hals. Die Schmetterlinge sich jagend,
Umwälzen sich über den Bäumen mit bunten Flügeln, voll Liebe,
Und unentschlossen im Wählen beschauen sie Knospen und Blüte.
Indessen impfet der Herr des Gartens Zweige von Kirschen
Durchsägten Schleestämmen ein, die künftig über die Kinder
Die sie gesäuget, erstaunen. Das Bild der Anmut, die Hausfrau
Sitzt in der Laube von Reben, pflanzt Stauden und Blumen auf Leinwand.
Die Freude lächelt aus ihr; ein Kind, der Gratien Liebling
Hängt ihr mit zarten Armen am Hals, und hindert sie schmeichelnd,
Ein anders tändelt im Klee, sinnt nach, und stammelt Gedanken.

O dreimal seliges Volk, dem einsam in Gründen die Tage
Wie sanfte Weste verfliegen! Lass andre dem Pöbel, der Dächer
Und Bäum' ersteiget, zur Schau in Siegeswägen sich brüsten,
Von Elefanten gezogen; lass sie mit Heeren von Schiffen
Untreue Wellen bedecken, und Japan in Westen versetzen.
Der ist ein Liebling des Himmels, den fern von Lastern und Torheit,
Die Ruh an Quellen umschlingt. Auf ihn blickt immer die Sonne
Von oben lieblich herab, ihm braust kein Unglück in Wogen,
Er seufzt nicht eitle Wünsche, ihn macht die Höhe nicht schwindelnd,
Die Arbeit würzt ihm die Kost, sein Blut ist leicht wie der Äther,
Sein Schlaf verfliegt mit der Dämmerung, ein Morgenlüftchen verweht ihn.

Ach wär auch mir es vergönnt, in euch, ihr holden Gefilde,
Gestreckt in wankende Schatten, am Ufer schwatzhafter Bäche
Hinfort mir selber zu leben, und Leid und niedrige Sorgen
Vorüberrauschender Luft einst zuzustreuen! Ach möchte
Doch Doris die Tränen in euch von diesen Wangen verwischen,
Und bald Gespräche mit Freunden in euch mein Leiden versüssen,
Bald redende Tote mich lehren, bald tiefe Bäche der Weisheit
Des Geistes Wissensdurst stillen! Dann gönnt ich Berge von Diamant
Und goldne Klüfte dem Mogul, dann möchten kriegrische Zwerge
Felshohe Bilder sich hauen, die steinerne Ströme vergössen,
Ich würde sie nimmer beneiden. Du Quelle des Glückes o Himmel
Du Meer der Liebe! O tränkte mich doch dein Ausfluss! Soll gänzlich
Wie eine Blume mein Leben, erstickt von Unkraut, verblühen?

Nein, du beseitigst dein Werk. Es lispelt ruhige Hoffnung
Mir Trost und Labsal zum Herzen; die Dämmrung flieht vor Auroren,
Die finstre Decke der Zukunft wird aufgezogen, ich sehe
Ganz andre Szenen der Dinge, und unbekannte Gefilde.
Ich seh dich, himmlische Doris! Du kommst aus Rosengebüschen
In meine Schatten, voll Glanz und majestätischem Liebreiz;
So tritt die Tugend einher, so ist die Anmut gestaltet.
Du singst zur Zither, und Phöbus tritt schnell durch dicke Gewölke,
Die Stürme schweigen, Olymp merkt auf; das Bildnis der Lieder
Tönt sanft in fernen Gebirgen, und Zephyr weht mirs herüber.

Und du mein redlicher Gleim, du steigst vom Gipfel des Hömus
Und rührst die Tejischen Seiten voll Lust. Die Tore des Himmels
Gehn auf, es lassen sich Cypris und Huldgöttinnen und Amor
Voll Glanz auf funkelnden Wolken in blauen Lüften hernieder,
Und singen lieblich darein. Der Sternen weites Gewölbe
Erschallt vom frohen Konzert. Komm bald in meine Reviere,
Komm, bring die Freude zu mir, beblümte Triften und Anger,
O Paar! du Trost meines Lebens, du milde Gabe der Gottheit!
Doch wie, erwach ich vom Schlaf? Wo sind die himmlischen Bilder?
Welch ein anmutiger Traum betrog die wachenden Sinnen?
Er flieht von dannen, ich seufze. Zu viele, zu viel vom Verhängnis
Im Durchgang des Lebens gefordert! Hier ist statt Wirklichkeit Hoffnung
Des wirklichen Schatten beglückt, selbst wird michs nimmer erfreuen.

Allein, was quält mich die Zukunft; weg ihr vergeblichen Sorgen,
Lass mich der Wollust geniessen, die jetzt der Himmel mir gönnet,
Lass mich das fröhliche Landvolk in dicke Haine verfolgen.
Und mit der Nachtigall singen, und mich beim seufzenden Giessbach
An Zephyrs Tönen ergötzen. Ihr dichten Lauben, von Händen
Der Mutter der Dinge, geflochten! Ihr dunkeln einsamen Gänge,
Die ihr das Denken erhellt, Irrgärten voller Entzückung
Und Freude, seid mir gegrüsst! Was für ein angenehm Leiden
Und Ruh und sanftes Gefühl durchdringst in euch die Seele!
Durchs hohe Laubdach der Schatten, das steichende Lüfte bewegen,
Worunter ein sichtbares Kühl in grünen Wogen sich wälzet,
Blickt hin und wieder die Sonne, und übergüldet die Blätter.

Die holde Dämmrung durchgleiten Gerüche von Blüten der Hecken,
Die Flügel der Westwinde duften. In überirdischer Höhle
Von krausen Büschen gezeugt, sitzt zwischen Blumen der Geishirt,
Bläst auf der hellen Schallmey, hält ein, und höret die Lieder
Hier laut in Buchen ertönen, dort schwach, und endlich verloren,
Bläst, und hält wiederum ein. Tief unter ihm klettern die Ziegen
An jähen Wänden von Stein, und reissen am bittern Gesträuche.
Mit leichten Lüften streift jetzt ein Heer gefleckter Hündinnen,
Und HIrsche mit Ästen gekrönt durch grüne rauschende Stauden,
Setzt über Klüfte, Gewässer und Rohr. Moräste vermissen
Die Spur der fliegenden Last. Gereizt vom Frühling zur Liebe
Durchstreichen mutige Rosse den Wald mit flatternden Mähnen,
Der Boden zittert und tönt, es strotzen die Zweige der Adern,
Ihr Schweif empört sich verwildert, sie schnauben Wollust und Hitze
Und brechen, vom Ufer sich stürzend, die Flut der Ströme zur Kühlung;
Dann fliehen sie über das Tal auf hohe Felsen, und schauen
Fern über den niedrigen Hain aufs Feld durch segelnde Dünste
Und wiehern aus Wolken herab. Jetzt eilen Stiere vorüber,
Aus ihren Nasen raucht Brunst, sie spalten mit Hörnern das Erdreich
Und toben im Nebel von Staub. — — —

Aus ausgehöhltem Gebirge fällt dort mit wildem Getümmel
Ein Fluss ins büschigte Tal, reisst mit sich Stücke von Felsen,
Durchrauscht entblössete Wurzeln der untergrabenen Bäume,
Die über fliessende Hügel von Schaum sich bücken und wanken;
Die grünen Grotten des Waldes ertönen und klagen darüber.
Es stutzt ob solchem Getöse das Wild, und eilet von dannen.
Sich nahende Vögel verlassen, im Singen gehindert, die Gegend
Und suchen ruhige Stellen, wo sie den Gatten die Fühlung
Verliebter Schmerzen entdecken in pyramidnem Gesträuche,
Und streiten gegen einander mit Liedern von Zweigen der Buchen.
Dort will ich lauschen und sie sich freun und liebkosen hören.

Fliess sanft unruhiges Flüsschen! Still! Ächzende Zephyrs im Laube,
Schwächt nicht ihr buhlrisches Flüstern. Schlagt laut, Bewohner der Wipfel,
Schlagt, lehrt mich euren Gesang! Sie schlagen; Symphonische Töne
Durchfliehn von Eichen und Dorn des weiten Schattensaals Kammern,
Die ganze Gegend wird Schall. Der Fink, der rötliche Hänfling
Pfeift hell aus Wipfeln der Erlen. Ein Heer von bunten Stieglitzen
Hüpft hin und wieder auf Strauch, beschaut die blühende Distel,
Ihr Lied hüpft fröhlich wie sie. Der Zeisig klaget der Schönen
Sein Leiden aus Zellen von Laub. Vom Ulmbaum flötet die Amsel
In hohlen Tönen den Bass. Nur die geflügelte Stimme,
Die kleine Nachtigall weicht aus Ruhmsucht in einsame Gründe
Durch dicke Wipfel umwölbt, der Traurigkeit ewige Wohnung,
(Worin aus Lüften und Feld der Nacht verbreitete Schatten
Sich scheinen verenget zu haben, als sie Auroren entwichen,)
Und macht die schreckbare Wüste zum Lustgefilde des Waldes.

Dort tränkt ein finsterer Teich rings um sich Weidengebüsche,
Auf Ästen wiegt sie sich da, lockt laut, und schmettert und wirbelt,
Dass Grund und Einöde klingt. So rasen Chöre von Saiten.
Jetzt girrt sie sänfter, und läuft durch tausend zärtliche Töne,
jetzt schlägt sie wieder mit Macht. Oft wenn die Gattin durch Vorwitz
Sich im belaubten Gebauer des grausamen Voglers gefangen,
Der fern im Lindenbusch laurt, dann ruhn die Lieder voll Freude,
Dann fliegt sie ängstlich umher, ruft ihrer Wonne des Lebens
Durch Klüfte, Felsen und Wald, seufzt unaufhörlich und jammert,
Bis sie vor Wehmut zuletzt halbtot zur Hecke herabfällt,
Worauf sie gleitet und wankt mit niedersinkendem Haupte.
Da klaget um sie der Schatten der toten Gattin, da dünkt ihr
Sie wund und blutig zu sehn. Bald tönt ihr Jammerlied wieder,
Sie setzt es Nächte lang fort, und scheint bei jeglichem Seufzer
Aus sich ihr Leben zu seufzen. Die nahen strauchichten Hügel,
Hiedurch zum Mitleid bewogen, erheben ein zärtlich Gewinsel.

Allein, was kollert und girrt mir hier zur Seiten vom Eichstamm,
Der halb vermodert und zweiglos von keinem Geflügel bewohnt wird?
Täuscht mich der Einbildung Spiel? Sieh! plötzlich flattert ein Täubchen
Aus einem Astloch empor, mit wandelbarem Gefieder,
Diess zeugte den dumpfigten Schall im Bauch der Eichen. Es gleitet
Mit ausgespreiteten Flügeln ins Tal, sucht nickend im Schatten
Und schaut sich vorsichtig um mit dürren Reisern im Munde.

Wer lehrt die Bürger der Zweige voll Kunst sich Nester zu wölben,
Und sie für Vorwitz und Raub, voll süssen Kummers, zu sichern?
Welch ein verborgener Hauch füllt ihre Herzen mit Liebe?
Durch dich ist alles, was gut ist, unendlich wunderbar Wesen,
Beherrscher und Vater der Welt! Du bist so herrlich im Vogel,
Der niedrig in Dornstauden hüpft, als in der Weste des Himmels,
In einer kriechenden Raupe, wie in dem flammenden Cherub.
See sonder Ufer und Grund! Aus dir quillt alles, du selber
Hast keinen Zufluss in dich. Die Feuermeere der Sterne
Sind Wiederscheine von Pünktchen des Lichts, in welchem du leuchtest.
Du drohst den Stürmen, sie schweigen, berührst die Berge, sie rauchen;
Das Heulen aufrührischer Meere, die zwischen wässernen Felsen
Den Sand des Grundes entblössen, ist deiner Herrlichkeit Loblied.
Der Donner, mit Flammen beflügelt verkündigt mit brüllender Stimme
Die hohen Taten von dir. Vor Ehrfurcht zittern die Haine
Und wiederhallen dein Lob. In tausend harmonischen Tönen
Von dem Verstande gehört, verbreiten Heere Gestirne
Die Grösse deiner Gewalt und Huld von Pole zu Pole.

Doch wer berechnet die Menge von deinen Wundern? Wer schwingt sich
Durch deine Tiefe, o Schöpfer? Vertraut euch Flügeln der Winde,
Ruht auf den Pfeilen des Blitzes, durchstreicht den glänzenden Abgrund
Der Gottheit, ihr endlichen Geister, durch tausend Alter des Weltbaus,
Ihr werdet dennoch zuletzt kein Pünktchen näher dem Grunde
Als bei dem Ausfluge sein. Verstummt denn, bebende Saiten!
So preist ihr würdger den HERRN.

Ein Fluss von lieblichem Duft, den Zephyr mit säuselnden Schwingen
Von nahgelegener Wiese herbeiweht, nötigt mich zu ihr.
Da will ich an schwirrendem Rohr in ihrer Blumenschoss ruhend,
Mit starken Zügen ihn einziehn. Kommt zu mir Freunde der Weisheit,
Mein Spalding und Hirzel, durch die jüngsthin der Winter mir grünte,
Von deren Lippen die Freude zu meinem Busen herabströmt,
Kommt! Legt euch zu mir, und macht die Gegend zur himmlischen Wohnung,
Lasst uns der Kinder der Flora Gestalt und Liebe bewundern,
Und spotten mit ihnen geschmückt des trägen Pöbels im Purpur,
Besingt die Schönheit der Tugend; lasst eures Mundes Gespräche
Mir sein wie Düfte von Rosen. Hier ist der Gratien Lustplatz,
Kunstlose Gärte durchirrt hier die Ruh, hier rieselt Entzückung
Mit hellen Bächen heran. Den grünen Kleeboden schmücken
Zerstreute Wälder von Blumen. Ein Meer von holden Gerüchen
Wallt unsichtbar über der Flur in grossen taumelnden Wogen
Von lauen Winden durchwühlt. Es ist durch tausend Bewohner
Die bunte Gegend belebt. Hochbeinigt watet im Wasser
Dort zwischen Kräutern der Storch, und blickt begierig nach Nahrung,
Dort gaukelt der Kybitz und schreit ums Haupt des müssigen Knaben,
Der seinem Neste sich naht. Jetzt trabt er vor ihm zum Ufer,
Als hätt' er das Fliegen vergessen, reizt ihn durch Hinken zur Folge
Und lockt ihn endlich ins Feld. Zerstreute Heere von Bienen
Durchsäuseln die Lüfte, sie fallen auf Klee und blühende Stauden,
Und hängen glänzend daran wie Tau vom Mondschein vergüldet;
Dann eilen sie wieder zur Stadt, die ihnen im Winkel des Angers
Der Landmann aus Körben erbaut. Rechtschaffner Weltweisen Bildnis,
Die sich der Heimat entziehn, der Menschheit Gefilde durchsuchen,
Und dann heimkehren zur Zelle mit süsser Beute beladen
Und liefern uns Honig der Weisheit. Ein See voll fliehender Wellen
Rauscht in der Mitte der Au, draus steigt ein Eiland zur Höhe
Mit Bäumen und Hecken gekrönt, das wie vom Boden entrissen,
Scheint gegen die Fluten zu schwimmen. In einer holden Verwirrung
Prangt drauf Hanbuttengesträuch voll feuriger Sternchen, der Quitzbaum,
Hollunder, rauher Wachholder, und sich umarmende Palmen.

Das Geisblatt schmiegt sich am Zweige der wilden Rosengebüsche.
Aus Wollust küssen einander die jungen Blüten und hauchen
Mit süssem Atem sich an. Der blühende Hagdorn am Ufer
Bückt sich hinüber aus Stolz, und sieht verwundernd im Wasser
Den weissen und rötlichen Schmuck. O Schauplatz, der du die Freude
Ins Herzens Innerstes malst, ach! Dass die Wärme, die annoch,
Seitdem der Winter von uns entflohn, kein Regen gemildert,
Dich sammt Gefilden und Gärten, die nach Erfrischung sich sehnen,
Doch nicht der Zierde beraubte und seiner Hoffnung den Landmann!
Erquick sie gnädiger Himmel, und überschütte von Oben
Mit deiner Güte die Erde. — — — Er kommt! Er kommt! In den Wolken
Der Segen, dort taumelt er her, und wird sich in Strömen ergiessen.

Schon streicht der Westwind voran, schwärmt in den Blättern der Bäume
Und wirbelt die Saaten, wie Strudel. Die Sonn eilt hinter den Vorhang
Von baumwollähnlichem Dunst; es stirbt der Schimmer des Himmels
Gemach, und Schatten und nacht läuft über Täler und Hügel.
Gekraust durch silberne Zirkel die sich vergrössernd verschwinden,
Verrät die Fläche des Wassers den noch nicht sichtbaren Regen. — — —

Jetzt fällt er häufiger nieder sich wie Gewebe durchkreuzend,
Kaum schützt des Erlenbaums Zeit mich vor den rauschenden Güssen.
Das Volk, das kürzlich aus Wolken die Gegend mit Lieder erfüllte,
Schweigt und verbirgt sich in Büsche. Im Lindental drängt sich in Kreisen
Vom Dach der Zweige bedeckt die Wollenherde um Stämme,
Feld, Luft und Höhen sind öde; nur Schwalben schiessen in Scharen
Im Regen, die Teiche beschauend. — — — Die Augenlider die jetzo
Das Auge des Weltkreises decken, die Dünst' erheben sich plötzlich,
Nun funkelt die Bühne des Himmels, nun sieht man hangende Meere
In hellen Tropfen zerrinnen und aus den Lüften verschwinden,
Es lachen die Gründe voll Blumen, und alles freut sich, ob flösse
Der Himmel selber zur Erden. Jedoch schon schiffen von neuem
Beladne Wolken vom Abend und hemmen wieder das Licht,
Sie schütten Seen herab, und säugen die Felder wie Brüste. — — —

Auch die vergiessen sich endlich. Ein güldner Regen von Strahlen
Füllt jetzo wieder die Luft; der gründe Hauptschmuck der Felsen,
Voll von Saaten der Wolken, spielt blendend gegen der Sonne,
Ein Regenbogen umgürtet den Himmel, und sieht sich im Meere;
Verjüngt, voll Schimmer und lächelnd, voll lichter Streifen und Kränze
Sehn die Gefilde mich an. Tauch in die Farben Aurorens,
Malmir die Landschaft, o du! Aus dessen ewigen Liedern
Der Aare ufer mir duften und vor dem Angesicht prangen,
Der sich die Pfeiler des Himmels, die alpen, die er besungen,
Zu Ehrensäulen gemacht. Wie blitzt die streifichte Wiese
Von demantähnlichen Tropfen! Wie lieblich regnen sie seitwärts
Von farbigten Blumengebüschen und blühenden Kronen der Sträuche!
Die Kräuter sind wieder erfrischt, und hauchen stärkre Gerüche,
Der ganze Himmel ist Duft. Getränkte Halmen erheben
Froh ihre Häupter, und scheinen die Huld des Himmels zu preisen.

Grünt nun ihr holden Gefilde! Ihr Wiesen und schattichte Wälder
Grünt, seid die Freude des Volks! Dient meiner Unschuld hinführo
Zum Schirm, wenn Bosheit und Stolz aus Schlössern und Stadten mich treiben.

Mir wehe Zephyr aus euch durch Blumen und Hecken noch öfter
Ruh und Erquickung ins Herz. Lasst mich den Vater des Weltbaus,
(Der Segen über euch breitet im Strahlenkreise der Sonne,
Im Tau und Regen) noch ferner in eurer Schönheit verehren,
Und melden voll heiliger Regung sein Lob antwortenden Sternen.
Und wenn nach seinem Geheiss mein Ziel des Lebens herannaht,
Dann sei mir endlich in euch die letzte Ruhe verstattet.

(Ewald Christian von Kleist 1715-1759, deutscher Dichter; Fassung letzter Hand)



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